|
Nachtodkontakte und Psychotherapie von Juliane Grodhues
Mehr Menschen als gemeinhin angenommen erleben Kontakte mit Verstorbenen. Dabei werden meist kürzlich verstorbene Angehörige spontan auf verschiedene Weise wahrgenommen und die Begegnungen als tröstlich erlebt. Gerade in einer Zeit tiefer Trauer kann eine solche intensive Erfahrung heilsam sein, einen Wendepunkt im Leben bedeuten und seelisches und geistiges Wachstum fördern. So wie Menschen mit Nahtoderfahrungen sich der besonderen und mit keiner Phantasie oder Imagination zu vergleichenden Erfahrung sicher sind, erleben auch Trauernde die Nachtodkontakte als etwas, das außerhalb ihres bisherigen Erfahrungsbereichs liegt. In der Sterbeforschung wurde bis jetzt davon ausgegangen, dass Nachtodkontakte nur spontan – oft bei der Beschäftigung mit Alltagsdingen und in Träumen – auftreten können.
Der amerikanische Psychotherapeut Dr. Allan Botkin entdeckte jedoch schon 1995 bei seiner trauma-therapeutischen Arbeit mit Kriegsveteranen für ihn selbst überraschend, dass seine Klienten Kontakte mit Ver-storbenen erlebten, mit ihnen kommunizierten und dieses anschließend als real, authentisch und überaus heilsam schilderten. Unabhängig von Glaubensrichtungen und persönlichen Einstellungen und unabhängig vom Thera-peuten spüren Menschen mit Hilfe dieses Vorgehens spontan die Anwesenheit der Verstorbenen, fühlen sich von ihrer Liebe und Begleitung eingehüllt. Sie empfinden sich ihnen in anderer, neuer Weise nahe und schöpfen Trost aus der Erfahrung, dass die Verbindung mit dem Tod nicht endet. Dadurch fühlen sie sich gestützt und getragen.
Allan Botkin nennt seine Trauerbehandlung, die auf der weltweit anerkannten Traumatherapiemethode EMDR beruht, von ihm aber in einigen Punkten abgeändert wurde, „IADC“ – Induced After Death Communication (Eingeleitete Nachtodkommunikation). Er überprüfte diese Methode 10 Jahre mit vielen Klienten aus ver-schiedenen Bereichen. Eine wachsende Anzahl von Psychotherapeuten, die in IADC ausgebildet wurden, bestätigen, dass tiefe Trauer über den Verlust nahe-stehender Menschen – und damit verbundene, oft chronische Symptome wie Depression, Schuldgedanken, Zorn – in wenigen Sitzungen geheilt werden kann und die Veränderung auch über lange Zeiträume stabil bleibt.
So wie bei spontan auftretenden Nachtodkontakten zeigt sich auch bei der bewusst eingeleiteten Nachtod-kommunikation, dass es verschiedene Formen des Kon-taktes gibt: das Spüren der Gegenwart des anderen als körperlich empfundene Nähe, oft verbunden mit dem inneren Wissen seiner Stimmungslage oder auch nonverbaler Botschaften. Visuelle Erscheinungen, Berührungen, Gerüche, Träume oder symbolische Ereignisse, die eine Botschaft enthalten sind ebenso möglich.
Ich selbst habe aufgrund eigener spontaner Nachtod-erfahrungen eine Ausbildung in der IADC-Methode bei Allan Botkin gemacht und arbeite seitdem damit in meiner psychologischen Praxis und habe dabei ähnliche Erfahrungen bei Klienten erlebt.
Eine junge Frau, die im Kosovokrieg schwer misshandelt wurde und unter akuten Selbstmordgedanken leidet, berichtet während einer IADC-Sitzung bei mir, in der es um den Tod ihrer Großmutter geht, die ihr sehr nahe war: „Ich sehe das Gesicht meiner Oma, sie sieht ganz jung und gesund aus und strahlt in ganz hellem Licht. Es ist ruhig und friedlich dort, wo sie ist. Ich sage ihr, dass ich auch so im Frieden sein möchte wie sie und ob sie mir helfen kann. Sie sagt: “Ja, ich helfe dir, du musst aber auch selbst etwas dafür tun“. Sie sagt weiter, dass sie meine Traurigkeit sieht und weiß, was ich alles erlebt habe. Ich müsse nicht sterben, um mich friedlich zu fühlen. Es sei wichtig, dass ich jetzt wieder bei meiner Familie sei und für meine Zukunft die richtigen Ent-scheidungen treffe.“
Eine andere Klientin berichtet von einem spontanen Nachtodkontakt mit ihrem Vater. Sie habe einen Tag nach seinem Tod sehr traurig am Sarg in der Fried-hofskapelle gesessen und plötzlich gespürt, dass er neben ihr steht. Er habe zu ihr gesagt: „Wir sehen uns wieder“. Das sei für sie damals ein großer Trost gewesen. Es habe sich jedoch Jahre danach etwas ereignet, dass ihr heftige Schuldgefühle ihrem Vater gegenüber verursacht habe und sie mit viel Angst jetzt daran denke, wie sie ihm nach ihrem eigenen Tod gegenüber treten solle. Nach einer IADC-Sitzung, in der sie die Gegenwart ihres Vaters wieder fühlt und sie sich gegenseitig vergeben können, hat sich diese Angst aufgelöst und sie kann Erleichterung und inneren Frieden empfinden. Nach mehreren Wochen berichtet sie noch einmal, dass sie ihrem Vater gegenüber unbefangen sei und auch keine Angst mehr vor ihrem eigenen Tod habe.
IADC ist als therapeutische Methode in Europa fast noch unbekannt, so wie auch heute noch viele Menschen Bedenken haben, ihre Nachtoderlebnisse anderen mit-zuteilen aus Angst, nicht ernst genommen oder abgelehnt zu werden.
Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass sich dies schnell ändert, wenn jemand spürt, dass sein Gegenüber offen und neutral ist. Es ist nicht das Anliegen eines IADC - Therapeuten, über die Quelle der oft als real erlebten Kontakte zu den Verstorbenen zu spekulieren. Jeder Betroffene wird jedoch dabei unterstützt, das Erlebte in die eigenen persönlichen Vorstellungen zu integrieren. Nicht das Spektakuläre dieser Erfahrungen ist wichtig, sondern die Erfahrung des Heilseins, die Präsenz bedingungsloser Liebe und tiefen Friedens, die vermittelt werden.
Die liebevolle Zuwendung der Verstorbenen, das Mut machen für das Leben der Zurückgebliebenen und die klare Erkenntnis, dass alles, was passiert ist, im Einklang mit den Verstorbenen und ihrem jetzigen Sein ist, sind hilfreiche und lösende Erfahrungen. Vergebung von Schuld wird möglich, so dass sich Täter- und Opferrollen auflösen können.
Das, was in den Therapiesitzungen geschieht, unterliegt nicht den Absichten der Klienten oder Therapeuten. Es scheint vielmehr so, als ob durch das Vorgehen eine Tür geöffnet wird, die eine dem Menschen innewohnende natürliche Kraft oder Fähigkeit zur Heilung anspricht. Nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Therapeuten und Trauerbegleiter ist dieser Weg eine emotional erfüllende Bereicherung.
Literatur: „Induced After Death Communication - A New Therapy For Healing Grief and Trauma“ von Dr. Allan Botkin, Hampton Roads Publishing Company
Juliane Grodhues ist Psychologin/IADC-Therapeutin mit eigener Praxis in Saargemünderstraße 10, 66119 Saarbrücken; Telefon: 06805/913368 Email: JGrodhues@t-online.de
|